VERSTAND (n. m.)

ESPRIT (fra.) · GEEST (nld.) · INTELLIGENCE (fra.) · MIND (eng.) · RAISON (fra.) · UNDERSTANDING (eng.) · VERNUFT (nld.) · VERSTAND (nld.)
TERM USED AS TRANSLATIONS IN QUOTATION
GEEST (nld.) · GÉNIE (fra.) · INGENIUM (lat.) · OORDEEL (nld.) · VERSTAND (nld.) · ZIN (nld.)
TERM USED IN EARLY TRANSLATIONS
/ · IMAGINATIO (lat.) · INGENIUM (lat.) · INTELLECTUS (lat.) · JUDICIUM (lat.) · MENS (lat.) · RATIO (lat.)
BLANC, Jan, « ESPRIT », dans HECK, Michèle-Caroline (éd.), Montpellier, Presses Universitaires de la Méditerranée, 2018, p. 195-201.

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4 sources
36 quotations

Quotation

{Junges Sudeln der Kinder/ bezeugt nicht alsobald eine Fähigkeit zum Mahlen} Sie [ndr: die Eltern]  solten aber sich bässer besinnen/ und bedenken/ daß das Vermögen hierzu [ndr: zum Mahlen]/ nicht aus einem solchen Hand-sudeln/ sondern aus einem sonderbaren Verstand und Geist erscheinen müße/ und vieler Jahre Arbeit vonnöten sey/ bevor man sich solcher Geschicklichkeit versichern kan.

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → qualités

Quotation

{Zwischen mahlen und wol-mahlen ist großer Unterschied.} Es ist/ zwischen dem mahlen und wolmahlen/ ein großer Unterschied/ gehört viel Mühe darzu/ diesen letzern Berg zu ersteigen: und sind die/ so aus Ungeschicklichkeit dahinten bleiben/ wie die Mucken/ welche das Liecht verlangen/ aber darinn ihre Flügel verbrennen/ auch Zeit und Unkosten verlieren. {Die Natur fähigt nicht alle zu allem.} Wann die Mutter Natur dem Jüngling nicht ihre Milch einflößet und ihn mit Verstand begabet/ so ist/ auch mit unendlicherArbeitsamkeit/ wenig zu schaffen.Die Natur machet nicht jeden Menschen zu allem/ sondern gemeinlich nur zu einer Sache/ recht tüchtig. Darum sollen vernünftige Eltern fleissig aufmerken/ um nicht zeit und Geld zu verspielen/ ob die Natur und Verstand der Kinder zu dieser Kunst/ mit nötigem Geist/ inclinire/ welches sich bald vermerken lässet. Wann/ mit Zunehmung der Jahre/ auch die Anmutung hierzu mit der Ubung erwächset/ alsdann hat man die Hoffnung zu machen/ daß sie zum Zweck hierinn gelangen mögen.

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → apprentissage

Quotation

{Die Vernunft/ ist der Zeichnung Ursprung} Die Zeichnung […] ihren Ursprung aus der Vernunft hat/ so erfordert solche eine sonderbares Urtheil/als die universal-Form/Idea oder Modell aller Dinge/so die Natur jemahls gebohren. Dann diese machet in dem menschlichen Leib/ in den Thieren und Pflanzen/ folgbar auc die Gebäu- Bildhauer und Mahlerey-Arbeit/ die proportion und Gleichheit zwischen dem ganzen völligen Corpo und seinen Theilen/und den Unterschied zwischen denselben erkennen. Und aus dieser Erkäntnis entspringet eine gewiße imagination, Einbildung/ Meinung und Urtheil / welches ihm der Künstler in seinem Verstand vor-formet/ und nachmals mit Kreide/ Rötel oder Kohlen/ durch die Hand/ zu Papier bringet.

Conceptual field(s)

CONCEPTION DE LA PEINTURE → dessin

Quotation

Hieraus ist nun leichtlich zu schließen/ daß die Zeichnung nichts anders seye/ als ein erkantlicher Entwurff/ Abbildung oder Erklärung unsers Concepts/ welchen wir in dem Gemüt ausgebrütet/ und der Einbildung/ als eine Form oder Idea, vorgestellet. {Sprüchw. Ex ungue Leo. Der Verstand ermisset einen Leib/ aus einem Theil desselben.} Es ist ein Welt-kündiges Sprüchwort der Alten: Ex ungue Leo, der Löw aus der Klaue. Damit wird so viel gesaget/ daß/ wann einem vernünftigen Manne nur ein Stuck von einem natürlichen Corpo vorgewiesen werde/ er alsofort in seinem Verstand den ganzen Leib mit allen dessen Theilen/ in seine imagination oder Einbildung fasse/ gleich als ob ihm derselbe völlig und lebhaft vor Augen gestellet wäre.

Conceptual field(s)

CONCEPTION DE LA PEINTURE → dessin
CONCEPTS ESTHETIQUES → génie, esprit, imagination

Quotation

{Was für eine Hand zum Zeichnen erfordert werde}. Es ist aber zu der Zeichnung vonnöten/ daß die Hand mit sonderbarem Fleiß und durch langwürige Ubung sich expedit, färtig und hurtig mache/ alles mit der Feder/ Griffel/ Kreide oder Kohle/ abzuzeichnen oder wol nachzubilden/ was die Natur hervor gebracht. Dann wann der Verstand seine wol-ausgesonnene Concepte heraus lässet/ und die Hand/ durch vieler Jahre langen Fleiß in zeichnen geübet/ solche nach der Vernunft zu Papier bringet/ so wird die vollkommene Vortrefflichkeit so wol des Meisters/ als der Kunst/ verspüret.

Conceptual field(s)

CONCEPTION DE LA PEINTURE → dessin
CONCEPTS ESTHETIQUES → génie, esprit, imagination

Quotation

Solche Dinge/ die der Natur zum ähnlichsten/ können dem durch langen Fleiß abgematteten Künstler/ seine Mühwaltung/ mit Ehre und Gewinn wieder vergelten/ als wordurch Hand und Verstand zu einer sonderbaren gratia, Lebhaftigkeit und Leichte angewöhnet wird. Man glaube sicherlich/ daß diese practic, welche man durch viel Jahre mit sonderbarem Fleiß erworben/ sey das wahre Liecht zur Zeichnung/ und das Mittel eines Künstlers/ sich berühmt und ansehnlich zu machen

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → qualités

Quotation

Die Zeichnung soll und mus mit sonderbarer Vernunft/ rarer invention, abtheilung und stellung/ als an welcher allermeist gelegen/ gemacht seyn: damit alle Theile/ zu vergnügung eines vernünftigen Auges/ wol übereinstimmen/ und nicht hier alles/ dort wenig oder gar nichts/ ohne Urtheil oder Verstand/ herfür komme. Solche schöne Ordnung oder häßliche Unordnung/ entspringet von wol- oder übel-gefasster Zeichen-Kunst/ entweder nach denen gehabten Modellen/ oder nach den vorgenommenen lebendigen Bildnusen: und kan die Zeichen-Kunst keinen guten Anfang haben/ wann sich der Scholar nicht eifrig beflissen/ natürliche und lebhafte Dinge abzuzeichnen/ und nach gut-gemahlten Stucken von belobten Meistern/ oder nach antichen Statuen und erhobnen Bildern/ wie schon oft gesagt worden/ zu formiren.

Conceptual field(s)

EFFET PICTURAL → qualité du dessin
EFFET PICTURAL → qualité de la composition
SPECTATEUR → perception et regard
SPECTATEUR → jugement

Quotation

{Die Perspectiv mus wol beobachtet werden.} Es mus aber allhier/ wie in allem/ die Perspectiv künstlich beobachtet werden: daß nämlich erstens das vorgenommene Stuck/ nach proportion des Orts und der Regeln/ sich entweder ordentlich verliere/ oder sich herfür thue und ergrößere; Ferner daß alles/ nach Ordnung des Gebäues/ der Zimmer und Seulen/ klüglich und sauber eingerichtet/ lieblich in die Augen falle; und endlich/daß/ gleichwie das perspectivische Gebäu selber/ also auch die Höhe und Helle/ Gänze oder Härte der Farben/ wie oben gedacht/ sich gemächlich verliere. Und aus solcher guten Eintheilung/ wird des Künstlers Verstand geprüfet.

Conceptual field(s)

CONCEPTION DE LA PEINTURE → composition
EFFET PICTURAL → qualité de la composition
L’ARTISTE → qualités

Quotation

Es sollen aber/ in aller Kunst und Fleiß/ der Verstand und die Hand des Künstlers/ glücklich und klüglich zusammen spielen/ und die Lieblichkeit/ sich also zur Vollkommenheit gesellen/ daß die Spectatores, nicht zur Furcht und Unlust/ sondern vielmehr zu herzlicher Freude über der perfection und Glücklichkeit des Meisters/ beweget werden. Es soll auch ein vollkommenes Werk/ mehr lebendig/ als gemahlet/ scheinen.

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → qualités
CONCEPTS ESTHETIQUES → génie, esprit, imagination

Quotation

{In Gesellung der Farben/ ist die Härtigkeit und Unordnung zu vermeiden}; Der Mahler mus gleich anfangs in seinen Verstand die Austheilung der Farben beobachten/ damit er nicht plötzlich von einem extremo in das andere falle/ nämlich die höchste und niedrigste/ oder die liechteste und finsterste Farbe just neben einander setze: dann dieses würde eine unartige und widerwärtige Härtigkeit auswirken. Dergleichen beschihet aber nicht/ durch den dunklen Schatten jedlicher Figur/ so gleich auf die andere zuruck schläget: dessen Dunkle vielmehr andere Farben nur annemlicher belebet und herfür bringet. Es mus aber dieser Schatten mit seinem Corpo vereiniget seyn: […] Dann gleichwie/ ein einiger falscher tonus, eine ganze herrliche Harmoniam verstellet und unlieblich macht: also kan auch eine einige nicht recht ausgebildete Gliedmaße/ oder zuharte Farbe/ ein völliges Gemähl zernichten und verwerfflich machen. {Hingegen gute Maß und das Mittel zu halten.} Das gar zuhohe Weiß- oder Feuer-rohte/ beleidiget das Gesicht; und das allzubleiche oder dunkle/ macht die Kunst-Stucke veraltet und verlegen. Will also das Mittel/ mit Verstand und gutem Urtheil/ getroffen seyn/ in welchem Stuck noch viel Künstler jetziger Zeit zu thun finden.

Conceptual field(s)

CONCEPTION DE LA PEINTURE → couleur
L’ARTISTE → qualités
CONCEPTS ESTHETIQUES → génie, esprit, imagination

Quotation

Solche Regeln/ haben die alte Kunst-Mahler beobachtet. Dessen allen haben/ unter den alten berühmten Kunst-Mahlern/ Raphael Urbini, Coregio, Titian, Verones, Tintoret und viel andere auf Mauren/ auch in Oelfarben/ mit sonders erleuchten Urtheil und Verstand/ zu ihrem immerwehrenden Lob und Ruhm/ bey aller Nachwelt/ sich sehr künstlich bedient. Wie dann nicht minder/ neben ihnen/ auch unsere alte Teutsche/ als Albrecht Dürer/ Hanns Holbein und andere/ nach und nach die Verbesserung des Colorits und das natürlichmahlen erfunden: […]

Conceptual field(s)

CONCEPTION DE LA PEINTURE → couleur
L’ARTISTE → qualités

Quotation

{Was Fresco-mahlen sey ?} Es ist aber das Fresco-mahlen/ wann man eine Mauren mit Mörtel bewerffen läßt/ und also auf den naßen frischen Kalch mahlet; und mus der Mahler/ so viel er bewerffen lassen/ alsofort übermahlen: dann sonst vertrucknet der Anwurff/ samt der darauf angefangenen Arbeit/ also hart/ daß solche hernach mit den darneben zu stehen kommenden Anwurf sich nicht mehr vereinbaren noch denselben annehmen kan/ sondern sie scheiden sich spöttlich von einander/ zerspringen endlich und fallen ab. Will also/ dieses Mauer-mahlen/ hurtig in dem naßen Kalch nach einander verfärtiget seyn.
{Was für Farben hierzu gehören ?} Es müßen aber hierzu lauter Erd-Farben/ und keine Mineralien/ genommen werden/ sondern das weisse von gekochten Trevertin-Stein oder gebranntem Kalch/ gelb Ocker/ braun Roht/ terra verda, ultra-marino oder blau-Azur, Smalta, braun Ocker/ ombra, schwarz Kienruß/ und dergleichen Farben von starkem Wesen/ die der Kalch nicht aufzehren kan: wie man hingegen erfähret/ daß der Lack/ Schitt-gelb/ und alle andere von Säften gemachte Farben/ hierbey gleich anfangs verschwinden; der Zinober aber und Mennig/ samt allem Bley-gelb und dergleichen/ sich in schwarz verwandeln. 
Diese Mahlerey erfordert eine geschwinde Hand und guten reiffen hurtigen Verstand: weil die Farben/ wann sie naß/ ein Ding viel anderst praesentiren/ als wann sie trucken sind. {Der Mahler mus hurtig und geübt seyn.} Es mus auch/ in dieser Arbeit/ der Meister/ mehr der Vernunft/  als des Abrißes/ sich bedienen/ alles schon im griff haben/ und ein guter geübter Practicus seyn weil die Arbeit keine Saumseligkeit oder Zechbrüder dulte Hierbey ist aber zu merken/ daß man nichts zu retochiren übrig lassen/ und daß keine Leimfarben/ noch mit Eyergelb/ Gummi oder Dragant angemachte/ darzu kommen müßen: weil hierdurch der Maur ihre natürliche Weiße {Undienliche Farben.} entfällt/ und nachmals alle Farben abstehen/ sehr gelb/ häßlich und schwarz werden.

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → qualités

Quotation

{Mahlerey von freyer Hand.} Andere/ und zwar die mehr-wissende Teutsche und Niederländische Mahler/ auch theils Italiäner/zeichnen ihre Invention, nach dem gemachten Modell, von freyer Hand/ mit Kreide auf das Blat/ und fangen darauf an/ solche zu untermahlen. Andere/ beginnen gleich anfangs ihre Bilder nach dem Leben völlig auszumahlen. {Furchtsames mahle/ zeiget des des Mahlers Unverstand und Unerfahren heit} Und dieses sind die  erfahrenste und hurtigste. Welcher Mahler aber langsam ist/ der gibt damit Anzeigung seiner Unerfahrenheit/und daß er in seiner Vernunft nicht erfinden oder vorbilden könne/ wie er ein Ding recht machen soll/ er sehe dann die Fehler vor Augen. Solche/ die mit Forcht und verzagt den Pensel führen/ kommen mir vor/ als die Blinden/ welche die Bahn mit dem Stab bestechen/ damit ihnen nichts im Weg lige/ darwider sie gehen und sich stossen oder verletzen möchten. Darum soll der Mahler sich dahin gewöhnen/ jedesmal alle Dinge im Sinn und Verstand eigentlich zu überschlagen/ bevor er Hand anlege/ und seine Arbeit auf eine gute Speculation und Wissenschaft gründen.

Deutsche (die)
Italiens (les)
Niederländische (die)

Unverstand

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → qualités
CONCEPTS ESTHETIQUES → génie, esprit, imagination

Quotation

{Der Autor, und Claudius Gilli übeten sich hierinn zu Rom.} Die Landschaft-Mahler/ haben hierinn/ indem sie viel nach dem Leben gezeichnet/ sich wol-erfahren gemacht: maßen sie solcher Handriße sich nachmals überall bedienen können. Ich selbst thäte solches/ etliche Jahre lang. Endlich aber/ als mein nächster Nachbar und Hausgenoß zu Rom/ der berühmte, Claudius Gilli, sonst Loraines genant/ immer mit ins Feld wolte/ um nach dem Leben zu zeichnen/ aber hierzu von der Natur gar nicht begunstet war/ hingegen zum Nachmahlen eine sonderbare Fähigkeit hatte: als haben wir ursach genommen/ (an statt des Zeichnens oder Tuschens mit schwarzer Kreide und dem Pensel) in offnem Feld/ zu Tivoli, Frescada, Subiaca, und anderer Orten/ auch al S. Benedetto, die Berge/ Grotten/ Thäler und Einöden/ die abscheuliche Wasserfälle der Tyber, / den Tempel der Sybilla, und dergleichen/ mit Farben/ auf gegründt Papier und Tücher völlig nach dem Leben auszumahlen. Dieses ist/ meines darfürhaltens/ die beste Manier/ dem Verstande die Warheit eigentlich einzudrucken: weil gleichsam dadurch Leib und Seele zusammen gebracht wird. In den Zeichnungen wird hingegen alzuweit zuruck gegangen/ da die wahre Gestalt der Sachen nimmermehr also pur eigentlich heraus kommet. {Noch andere fürtreffliche Landschaft-Mahlere.} Es ist auch besagter Claudius, wiewol langsam genug/ endlich in dem Landschaft-Mahlen/ gründen und coloriren/ so perfect worden und hoch gestiegen/ daß er wunder gethan/ und billich ein Antecessor und Ubertreffer aller der andern mag genennet werden [...].

Conceptual field(s)

GENRES PICTURAUX → paysage
L’ARTISTE → qualités
CONCEPTS ESTHETIQUES → génie, esprit, imagination

Quotation

{Zweyerley Process im Mahlen: mit freyer Hand}/ Es gibt wackere Geister/ welche/ als wol experimentirt und erfahren/ ihnen eine Ideam von jeder Sache gleich einbilden/ und dieselbe/ ohne fernere Mittel/ ausmachen können. Solches aber ist nicht eines jeden Thun/ sondern eine absonderliche Gabevon meisterhaftem Verstand mag auch nur geschehen bey kleinen Werken von wenig Bildern oder stillstehenden Sachen/ daran nicht viel gelegen ist.
{und nach dem Vor-Riß} Andere sind/ die mit viel Arbeit und Bemühung sich setzen/ und ihre Meinung/ was sie in Gedanken gefasset/ mit Kreide oder Bleyweiß auf Papier zeichnen/ hernach auf ein mit einer ölichten Farb gegründtes Tuch/ den Umriß/ samt aller Zugehör/ auftragen/ folgends wol betrachten/ und mit todten Farben (welches man Untermahlen nennet) die noch-befindliche Fehler ausbässern/ heissen/ und endlich/ wann es wol trucken/ mit Fleiß übermahlen und ausmachen.

Conceptual field(s)

MANIÈRE ET STYLE → le faire et la main
L’ARTISTE → qualités

Quotation

{Warum nicht alle gemahlte Bilder wolgefällig seyen.} OBwol der große Schöpfer durch die Natur alles wolständig erschaffen  hat/ so finden wir doch noch viel Ursachen/ warum ihre Schönheit/ in einem mehr/ als in andern/ vollkommen erscheinet: Maßen oftmals ein Bild/ welches/ sonderlich von jungen Mahlern/ mit viel Mühe und Arbeit gemahlet worden/ uns dannoch nicht gefallen will. Dieses entstehet daher/ wann die Umstände/ actionen und Stellungen nicht gut sind; welche die Natur dem Verstande des Künstlers selbst an die Hand gibet.
Ein Bild muss in geraden Linien stehen » […]
Arme und Beine/ sollen beyderseits/ mit vorausgehen und zurückbleiben alterniren […]
Das Angesicht/ soll sich nach den Vörder-Arm wenden:  […] Und dieses ist/ im Mahlen/ wol zu beobachten. {aber nicht nach dem Vörder-Fuß.} Ein sitzendes oder stehendes Bild/ soll das Angesicht allezeit dahin wenden/ wo der Arm vorn hinaus zeiget […]
Kopf und Leib/ sollen nicht zugleich nach einer Seite sich kehren. […] 
Das Haupt viel verdrehen/ stehet nicht wol in Geistlichen Gemälden. […] 
In nackenden Bildern mus man die Gliedmaßen recht an einander fügen. […]
Der Hals mus nicht zu kurz seyn. […] 
Regeln/ von Fuß […]
und Achseln. […] 
Die vornemste Glieder/ sollen möglichst sichtbar und unverdeckt bleiben […]

Conceptual field(s)

L’HISTOIRE ET LA FIGURE → figure et corps
L’HISTOIRE ET LA FIGURE → action et attitude
L’ARTISTE → qualités

Quotation

{Zweyerley Farben natürliche und die durch Kunst erstandene.} Es sind aber ingemein zweyerley Farben. Die erste ist die natürliche/ so einem jeden Ding angeschaffen ist/ worbey man es von andern unterscheidet und kennet/ wie insonderheit bey den Metallen geschihet. Die andere/ ist die jenige/ so durch Verstand und Kunst der Menschen/ durch Mischung der andern/ erfunden wird.

Conceptual field(s)

CONCEPTION DE LA PEINTURE → couleur

Quotation

23. [ndr: Regel] Der Mahler soll allezeit/ mehr nach der Ehre als nach Nutzen/ trachten/ und nichtes dahin eilen: wie sich viele praecipitiren/ dadurch eine böse Gewonheit annehmen/ und zu grund gehen; da hingegen durch viel und beständiges studiren/ bey mehrung des Fleißes/ der Verstand sich ergänzet/ auch das Lob und die Ehre von sich selbst den Nutzen mit sich bringet.

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → qualités

Quotation

25. [ndr: Regel] Obschon unterweilen etliche geringe und unachtbare Fehler mit unterlauffen/ so soll doch/ wegen anderer Vortrefflichkeit/ das Werk ungetadlet bleiben: gleichwie man die Künstlichkeit eines weitberühmten Lautenschlagers/ wegen eines einigen falschen Säiten-griffs/ nicht beschämet: auch ein guter Bogenschütz unbillich verworffen wird/ wann er einmal des Schwarzen verfehlet. Die bäste und herrlichste Gemälde mißfallen oft anfangs den Augen/ bis daß man den Intento und Zweck des Künstlers erreichet. Darum soll man die Gemälde in das Gemüte und den Verstand langsam/ wie die Hüner das Wasser durch Schnabel und Schlund/ hinablassen; und alsdann erst sein Urtheil darüber ergehen lassen.

Conceptual field(s)

CONCEPTS ESTHETIQUES → génie, esprit, imagination

Quotation

Conceptual field(s)

MANIÈRE ET STYLE → le faire et la main
MATERIALITE DE L’ŒUVRE → technique de la peinture

Quotation

Unter dem Wahrhafften Titel eines Mahlers wird eine dermaassen grosse Vollkommenheit begriffen/daß wir kaum denselben jemanden zulegen können/als welcher nicht ein geübter gelehrter Mann/scharffsinnig und fertig vom Verstande/insbesonderheit aber ein erfahrner Mathematicus und etlicher maassen auch der Farben halber ein gucht Chymicus/und nicht minder in der Antiquität und Historien wohl erfahren ist. 

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → qualités

Quotation

Das XIII. Von etlichen allgemeinen Dingen/welche in den Anfärben und Wasserfarben zu wissen und zu beobachten nöthig sind. 
Weil ein Liebhaber in nachfolgenden Illuminir- und Erleuchtery-Kunst offtmals das Anlegen/Schattiren/Vertieffen und Erhöhen/als einige der führnehmsten Handlungen in dieser Kunstübung gemeldet/vorkommen/so müssen wir nothwendig etwas davon/das zu ihrem gründlichen Verstande dienet/kürzlich gedencken/weil man zur Vollkommenheit dieser Kunst/im Fall man solches nicht gründlich verstehet/mit nichten gelangen kann.
Wollen demnach mit Erklärung des Anlegens/ als dem ersten Beginn aller in dieser Kunst vorfallender Arbeit/ den Anfang machen. So heisset und ist demnach Anlegen/ wenn man ein Ding / das einerley Farbe hat/mit einer Farbe/ die man dazu erwehlet/ nach seinem Belieben/ flach und einpärig/ ohne Schattiren und Tag anleget und schlecht überledecket. Wenn es nun angeleget ist/ so folget darauff/ wenn die erste Farbe trucken ist/ die Durch- oder Ausschattierung und Vertieffung/ wie wir solches durchgehends im folgenden nennen werden. Dieses geschicht auf dem Grund/ der zuvor angelegt ist/ und zwar allezeit mit einer Farbe/ welche viel fetter/ stärcker oder brauner ist / als die damit beleget wird. Wodurch denn die Theile von Dunckelheit und Licht dergestalt unterscheiden und umbschrencket werden/ daß man die Schatten und die Fläche der Dinge begreiffen kann/ und dieselben sich erheben/ da sie zuvor eben zu seyn schienen ; welches aus dem jenigen/ was wir von Dunckel und Licht in unser Anweisung zur allgemeinen Mahler-Kunst angeführet/ klärlich zu ersehen ist/ und hieher gezogen werden kann.
Die dritte Eigenschafft ist Erhöhen oder Erheben : Welches den lichtesten Ort aller Dinge/ als darauff der Tag ohn einigen Schatten fället/ andeutet. Und diese Erhöhungen geschehen gemeinlich auff hohen und erhobenen Oertern/ gleich an den Menschen auff den Kinn-Backen oben auff der Nase auff dem Vorhaupt/Kinne/Schultern/Brust/Arsch-Backen/Ellebogen/Knien/und dergleichen also auch in den Kleidern/auff den Falten/und flachen Theilen der Gliedmassen/welche durch dieselbige ausgedrucket werden/und weiter alles/was ich über die Fläche oder Ebene erhebet. Dieses soll man mit einer lichtern und höhern Farbe als die ist/ damit es anleget worden/ thun/ und erhöhet es damit dergestalt/ nachdem es mehr oder weniger in dem stärckesten Lichte stehet/ und erleuchtet wird/ damit es dadurch gleichsam rund wird/ und herfür raget.
Man könnte den gründlichen Verstand dieser Dinge füglich aus der Art/ die man im Zeichnen auff Grund-Papier hält/ begreiffen lehren/ davon wir in unserer Zeichen-Kunst geredet haben : Wenn man dasselbe wohl gefasset/ so kann man auch leichtlich verstehen/ wie man mit dem Wasser-Farben umbgehen soll. Ein Exempel von diesen beyden zu geben/ so kann man mercken daß das Anlegen so viel als die Fläche deß Grund-Papiers zu wege bringet. Die Schattierung oder Vertieffung nun/ die man auff dem Grund-Papier machet/ kommen auch überein mit dem Schattiren/ so man in den Mahlen mit einer stärckern Farbe über das Angelegte hinleget. 
Die Erhobenheiten kommen gleichfals mit einander überein/ die Vertieffungen sind eben wie die Tuschungen/ so man hier und dar in der Zeichnung einfüget: daß also kein Unterscheid  zwischen dem Zeichnen und Illuminir-Mahlen ist/ als die Handlung des Pinsels und daß man ihm jederzeit einbilde/ daß jewede angelegte Farbe/ darauff man mahlen muß/ eine Art Grund-Papier sy/ darauff man zeichnet/ und daß man vor die Zeit die Handlung des Zeichnens übet/ welches man waschen heisset. Auch ist annoch zu mercken/ daß man die Schatten/ Vertieffungen/ und Erhobenheiten richten muß/[...] Man muß auch darauff bedacht seyn/ daß die Dinge/ die man mit Wasser-Farben mahlen will/ nicht zu starck oder zu hart umbzogen werden/ damit sie nicht ausser den Farben den Meister spielen/und das Werck kinderhafftig aussehen machen/gleich als wenn es nur mit den Farben zwischen dem Bezirck der Umbzüge angefüllet sey; [...] welches man den Kindern zum Vorbilde geben konnte/den ersten Anfang in der Erleuchterey zu machen. Denn ein verständiger Kunst-übener muß der Eigenschaft der Zeichen-und Mahler-Kunst folgen. Aber in der Erleuchterey/welche man bey den Kupferstücken oder gedruckter Arbeit thut/muß man darauff sehen/welche Gestalt der Meister oder Kupfferstecher die Züge/hier harte/dort schwach und sanfft gemacht/und also auch was die Schatten/so durch das Tuschen angewiesen sind/damit man dasselbst die Stäcke der Farben darnach geschicklich richten mag; Und ob man schon das Tuschen ein wenig durch die Farben spielen siehet/so wird es doch darum nicht schlimmer oder geringer gehalten werden. 
Derohalben mag man so wol in dem Mahlen als Absetzen/die Farben im gemein (sonderlich da man die Dinge erstlich mit anleget) wol etwas dünne/und nicht dicke oder flackerhafftig auffstreichen/dergestalt/daß die hellere Weisse des Papiers oder Pergaments ein wenig dadurch blicke/welchen den meisten Farben den schönen Schein giebt. Ich habe aus Erfahrung angemercket/daß die Farben/so man auf ein durchscheinend Platz anstreichet/viel schöner scheinen/als wenn sie auff ein Bret oder andern dunckeln Leib leget; dadurch das vorhergehende/größtenteils kann bestätigt werden.

Conceptual field(s)

MANIÈRE ET STYLE → le faire et la main
MATERIALITE DE L’ŒUVRE → technique de la peinture
L’ARTISTE → apprentissage

Quotation

Cap. XIV. Capitel. Nachricht: Was für Farben und welche oerter man in einem Kunst-Stück/das man illuminiren wil/erst soll anlegen/damit es wol ausgeführet werde
Es ist auch nöthig/ehe wir zur Nützung der Farben schreiten/daß wir zuvor wissen/was für Farben man erst oder hernach gebrauchen soll/oder was für Dinge zum Anfange müssen angeleget werden. Denn hieran ist sehr viel gelegen/weil dieses den Zierrath in allen Schickungen verschafft. Darumb man sie allezeit dergestalt eintheilen muß/daß eine die andere nicht unterdrücket/sondern viel mehr eine die andere zur Zierde dienet. Solche Schickung der Farben kann man aus vielen erschaffenen Dingen lernen/ sonderlich aus Betrachtung der Früchte und Blumen/wie auch anderen Dinge/ so man dieselbe mit Verstand und Auffmercken reichlich überleget/ führnehmlich aber siehet man/daß die Farben der Feld-Blumen auff eine besondere Weise artig und schön zusammen geordnet/dergestalt/daß nicht eine einige Farbe derselbigen übel-gestalt/in den Augen der Beschauer sich erzeiget/welche nicht zu mehrer Herrligkeit der anderen gereichet. 
Damit man nun die Farben ordentlich inrichten und sehen können welche man in seinem Werck und Vorhaben bedürffe/ so muß man auff diese folgende fünff Staffeln wohl Achtung geben. 
Ertlich muß ma die luffte auff solche Weide anlegen und färben/ […]
Zum andern/ muß man die Sand-Gründe/ Stein-Gründe/ voranstehendeGründe anlegen/ […].
Zum dritten/ lege man alle nackte Bilder/ […]
Zum vierdten/ können alle Haare und Bärte/ wie auch die fürnehmste Thiere/ nebst einigen Baümen/ Aesten/ Stielen/ und andern Holzwerck/ so dieser Art ist/ einerley angelegt werden. 
Zum fünfften/ muß man da salles mit Beeren Gelbe/ Saffran oder andern Farben/ die durchscheinend sind […]: Und anfänglich auff den weissen Grund verfertigen/ weil man sie auff keine andere Farben decket/ es seyn Kleider oder sonsten andere Dinge. […]

Conceptual field(s)

MATERIALITE DE L’ŒUVRE → couleurs
MANIÈRE ET STYLE → le faire et la main

Quotation

Des Absehens/ muß allhie zuvörderst wiederholet werden/ daß die Zeichenkunst/ (als die bey den Alten/ Reissen genandt war) die rechte und einige Mutter und Nährerin unserer dreyer Künsten ist/ und aus der Vernunfft/ durch gewisse imagination, oder Einbildung/ in dem Verstand/ zuvorderst alles formirt, was hernacher durch die Hand zu Papier gebracht wird. Dieser erkenntliche Entwurff/ und concept unserer Ideae, oder Sinn-Musters/ welches wir/ im Gemüt gleichsam ausgebreitet vor Augen stellen […].

Conceptual field(s)

CONCEPTION DE LA PEINTURE → dessin
CONCEPTS ESTHETIQUES → génie, esprit, imagination

Quotation

{An den nackenden Bilderen sol man anfangen/ erstlich nach Kupferstichen/ Handrissen und stilstehenden Bildern. Hernacher zu den lebendigen Dingen/ auch der Academie schreiten.}
Gleichwie einer nun/ durch die Academische Ubung/ die Wolerfahrenheit hierinne suchen muß: also wird hierzu sonderlich erfordert daß man alle Stellungen/ Maß/ und Ordnung eines gerechten Bildes erfahre/ auch das grosse und mittelere Liecht/ samt dem Schatten und Wiederschein/ vernünfftig ergreiffe: Als vermittelst dessen sich der Verstand mehret; Denn auf solche Weise stellet allein ein wahrer Progreß zu hoffen. Wobey doch gleichwol auch die Erkänntnüs der Zergliederungs- (oder Anatomie.) Kunst/ Wohnung und Form/ der Mäuse (oder Musculen) Maß und Gestalt des Gebeins/ oder Sceletons/ mit in Betrachtung kommt. Solcher Gestalt muß der Verstand immer mit im Spiel seyn/ um alle vor Augen kommende natürliche Dinge wol zu überlegen/ und zu beurtheilen: Damit man sich hernach/ zu selbsteigener Invention/ beqvem machen könne. Gestaltsam dieses ohngezweiffelt der rechte Weg ist

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → apprentissage
L’HISTOIRE ET LA FIGURE → figure et corps

Quotation

In den übrigen ist iederzeit die Mutter der Natur/ für eine wahre Schul/ zu halten/ darinnen man mit Verstande immer nachzuforschen und zu lernen hat/ wie den Bildern die sittliche Action, und Arbeitsamkeit/ zu geben sey/ also das Hand und Finger wolständig wircken/ angreiffen/ nach vorhabendem Beruff/ und Arbeit/ als im tragen/ lauffen/ springen/ ihre schickmässige Geberde erweisen/ und zwar iedesmal auf die Art der Person/ oder des Amts/ oder Alters/ so wol als auf alle andre Umständigkeit gemercket/ und solches mit nöthiger Zier in den Wercken zu Nutzen gebracht werde. {Auch die Temperamenten/ und Gemühts-Wirckungen/ Passionen und Affecten zu beobachten} Gleiche Meinung {Auch die Temperamenten/ und Gemühts-Wirckungen/ Passionen und Affecten zu beobachten.} hat es auch mit Erkennung und Erlernung der viererley Complexionen des Menschen/ mit den Wirckungen des Gemüts/ der Angesichter/ Farben/ und Ursachen der Veränderungen; vorab mit den Gestalten der Zornigen Abscheulichkeit/ der Furcht/ oder Schreckbarkeit/ der Schamhafftigkeit/ Angst/ Misgunst/ Neides und Leides/ der Traurigkeit und Verzweifflung: als wodurch alle des Menschen Gestalt/ Angesichter/ Geberden und Farben verändert werden.

Conceptual field(s)

L’HISTOIRE ET LA FIGURE → action et attitude

Quotation

Wie hievon etwas weitläufftiger/ in unserm ersten Buch/ Meldung geschehen. Solchem allen/ soll man stetig nachsinnen/ durch tägliche Fortsetzung in unser Kunst Ubung. Zu diesem Ende hat die Natur uns Menschen zwey vortreffliche Instrumente gegeben/ nemlich/ die Hände dem Leibe/ und die Gedächtnus dem Verstande; vermittelst dessen/ alles zu wegen gebracht werden kan.

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → qualités
L’ARTISTE → apprentissage

Quotation

{Wie man die wol gefasste Zeichen-Kunst/ mit den Farben secundiren müsse}
Von dem rechten Gebrauch und Erneurung guter Mahlerey steht ferner zu melden/ daß gleichwie/ vorangedeuteter Massen/ der Zeichenkunst Vollkommenheit iedesmal den Vorzug haben solle: also hernach/ durch die Farben/ selbe todte Risse/ lebendig gemacht werden müssen/ wann diese beede Theile fein wol aufeinander treffen/durch vernünftigen Gebrauch und Annehmung guter Manier/ welche bey dem nachcopiren andrer vortreflicher Wercke/ ihren Anfang nehmen muß/ besonderlich in grossen Bildern: so macht sich der Verstand beqvem/ und in allen Dingen fähig: zumal wann also die gute Manier/ Geist und Tapfferkeit zusammen kommen: Welche aus nachcopiren der besten Hand zuerlangen. Alsdann soll man zu dem Leben selbsten schreiten/ um solche modellen, mit vorgefaster Warnehmung/ zu folgen.

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → qualités

Quotation

WEil dann alles/ was Gott erschaffen hat/ den guten Ordnungen und Regeln {Was für Ordnung Anfangs im mahlen zu halten sey.}unterworffen/ ja/ alle Königreiche und Länder/ ihre gewisse Gesetze haben/ wornach sich zu richten/ und ein ieder/ wes Standes oder Beruffs er auch seyn mag/ mit Reglen beschränckt lebet:{Was für Ordnung Anfangs im mahlen zu halten sey. Observantz von dem Historien-mahlen.} als hat auch ein vernünfftiger Mahler/ in seiner Idea, oder im Verstande die nöthige Ordnung zu vörderst wol zu überlegen; daneben auch gute Wissenschafft zu seiner Invention, (es sey nun in was Theil es wolle) vonnöthen: will er anders sein Werck vernünfftig zu Stande bringen.

Idea

Conceptual field(s)

L’HISTOIRE ET LA FIGURE → sujet et choix
L’ARTISTE → qualités

Quotation

So muß auch der Künstler vorhero die Historien offt/ und aus unterschiedlichen Authoren lesen/ seine Gedancken zu mehren sich befleissen/ das beste daraus erwählen/ {Aus unterschiedlichen Entwurff ein Modell zeichnen} in seinem Verstande wol begreiffen/ und fest stellen/ alsdann in geistreicher Ordnung/ durch etliche Entwürffe auf Papier/ das Beste heraus ziehen und vermehren/ ein Carton oder Model machen. Solches ist der gemeine Gebrauch. Ich habe aber besser gefunden/ daß ich iedesmal alles zusammen auf ein Tuch/ einen oder zween Schuch hoch/ die Ordnung und colorit zusammen gebracht/ mit Farben gemahlt/ alsdann alles beysammen sehend/ welches in allen Theilen das Beste wäre/ geurtheilet: damit/ was wenigst an ständig/ im grossen Haupt-Wercke vernünfftig geändert werden möchte.

Conceptual field(s)

CONCEPTION DE LA PEINTURE → composition
L’ARTISTE → qualités
CONCEPTS ESTHETIQUES → génie, esprit, imagination

Quotation

Das 2. Capitel. Beschreibung der Mahlerey-Kunst und des Zeichnen Nutz. 
Man muß urtheilen, ob dieses oder jenes vernünftig, witzig gezeichnet, und gestellet sey? Ob etwas zu verbessern oder zu ändern, auch wie forthane Verbesserung anzugreiffen, und zuwege zubringen sey; Aus diesen langen Discuriren, und Nachsinnen des Verstandes wird nach und nach die Erfahrenheit und Gewohnheit reiff und zeitig. 

Conceptual field(s)

SPECTATEUR → jugement

Quotation

Das 3. Capitel. Von Farben.
Der Mahler muß gleich Anfangs in seinen Verstande die Austheilung der Farben beachten, damit er nicht plötzlich von einen Extremo in das andere falle, nemlich die höchste und niedrigste, oder die lichteste und finsterste Farbe just neben einander setze, denn dieses würde eine unartige, und wiederwärtige Härtigkeit auswircken. Desgleichen geschieht aber nicht durch den dunckelen Schatten in gleicher Figur, so gleich auf die andere zurück schläget, dessen Dunckelheit vielmehr andere Farben nur annehmlicher und belebter herfürbringet. 
Es muß aber dieser Schatten mit seinen Cörper vereinigt seyn, damit beydes nicht mehr einen scheckichten und gesprengten Teppich, als was sie bilden sollen, vorstelle. Dann gleich wie ein einiger falscher Thon oder Klang eine ganz herrliche Music verstellet, und unlieblich zu hören macht; Also kan auch ein einig Gliedmaß, oder zu harte Farbe ein völlig Gemälde vernichten, und verwerfflich machen.
Das gar zu hohe weiß oder Feuerrothe beleidigt daß Gesichte, und daß allzu bleiche oder dunckele machte die Kunst-Stücke veraltet und verlegen, will also das Mittel mit Verstand, und guten Urtheil getroffen seyn, in welchen Stücke aber noch viel Künstler jetziger Zeit zu thun finden. 

Conceptual field(s)

CONCEPTION DE LA PEINTURE → couleur
L’ARTISTE → qualités

Quotation

Das 3. Capitel. Von Farben.
Man muß den Alten nicht ein licht, rothes, friches, und den jungen Menschen hingegen ein gelb-braunes, langweiliger, träger Angesicht zueignen. Wenn aber den alten in einen Winckel mit einen gelb-braunen, oder von der Sonne und Staub verschwärtzten, und vernebelten Angesicht vorstellet, gegen über aber einen jungen Verliebten mit feiner Dame ganz schöne, lichte, feurig und brennend, balb weiß, bald röthlich machete, so wird solche stritige Uneinigkeit bald eine leibliche Einigkeit auf den Kunst-Blatte gebähren, und die niedere, bleiche und dunckele Farbe erst ein Preiß volles Ansehen, und folgbahre Ehre dem Künstler erwerben. Dessen allen haben sich unter den alten berühmten Kunst-Mahlern Raphael Urbini, Corregio, Titian, und viel andere mehr auf Mauren in Oel-Farben, mit sonderbahren, erleuchteren Urtheil und Verstand zu ihren immerwehrenden Lob und Ruhm bey aller Nach-Welt sehr künstlich bedienet, wie den nicht andere neben ihnen auch unsere alte Teutsche als Albrecht Dürer, Hans Hollpein, und andere mehr nach und nach die Verbesserung des Coloritz und des natürlichen Wesen erfunden. 

Conceptual field(s)

EFFET PICTURAL → qualité des couleurs
L’ARTISTE → qualités

Quotation

Das 4. Capitel. Was Fresco mahlen sey/ und wie mit solchem umzugehen.
Die Kunst auf Mauren, und nassen Kalck zu mahlen übertrift alle andere Mahlerey in diesem, weil solchen in einen Tag geschehen muß, da man sonst in andern Sachen viel Jahre und Monate mit verändern und verbessern zubringen kan. 
Es ist aber Fresco mahlen, wenn man eine Maure, mit Mörtel oder Kalck bewerffen läst, und also auf solchen nassen Kalck mahlet, und muß der Mahler so viel als er bewerffen lassen, also fort übermahlen: Denn sonsten vertrucknet der Anwurff samt der darauf angefangenen Arbeit allzuhart, daß solche hernach mit den daneben zustehenden Anwurff sich nicht mehr vereinbahren, noch selben annehmen, sondern sie scheiden sich spätlich von einander, zerspringen endlich und fallen ab: Will also dieses Mahlen hurtig in den nassen Kalck nach einander verfertigt seyn. Es werden aber hierzu lauter Erd-Farben, aber keine Mineralien genommen, sondern das Weisse von gebrannten Trevertin-Stein oder gebrantem Kalck, gelben Ogger, Braunroth, Terra verta, Ultramarin oder blau Azur, Smalta, braun Ogger, Umbra, Kinruß und dergleichen Farben, so von einem starcken Wesen sind, und die der Kalck nicht aufzehren kan. Diese Mahlerey will haben einen geschwinde Hand, reiffen hurtigen Verstand, weil die Farben wenn sie noch naß, ein Ding viel anders vorstellen, als wenn sie trucken sind. Es muß auch der Mahler in dieser Arbeit mehr Vernunfft, als des Abrisses sich bedienen, alles schon gleichsam an einen Grieff haben, und ein geübter Künstler seyn ; weil die Arbeit keine Saumseligkeit noch Zech-Brüder dultet. Hierbei ist aber zu mercken, daß man nichts zu retouchieren übrig lassen, oder das keine Leimfarben, noch mit Ogger-gelbe, Gummi oder Tragant angemachte Farben darzu kommen müssen ; weil hierdurch der Mauren ihre natürliche Weisse entfället, und nachgehends alle Farben abstehen, sehr gelbe, heßlich und schwartz werden.

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → qualités

Quotation

Das 5. Capitel. Von dem Mahlen von freyer Hand
Die meisten heutigen Tages, so wohl Italiener, als auch Teutschen, zeichnen ihre Invention nach dem gemachten Muster von freyer Hand mit Kreide auf das Tuch oder Taffel, und fangen darauff an solches zu untermahlen, theils beginnen ihre Gemälde gleich Anfangs völlig auszumahlen, und diese sind die erfahrensten und hurtigsten. Welcher Mahler aber langsam ist, der giebt damit Anzeigung seiner Unerfahrenheit, und daß er in seiner Vernunfft nichts erfinden, oder vorbilden könne, wie er ein Ding recht machen soll, er sehe denn die Fehler vor Augen, derohalben soll sich ein jeder dahin gewöhnen, daß er allezeit alle Dinge im Sinne und Verstande zuvor wohl überschlage, ehe er Hand anlege, und seine Arbeit auf eine gute Erfindung und Wissenschaft gründe. 

Conceptual field(s)

L’ARTISTE → qualités

Quotation

Eine Landschaft soll nicht mit ganz braunen, oder ganz hellen, aber wohl mit lichten und gebrochenen Farben gemahlet seyn. Die Gründe in der Landschaft-Mahlerey weissen den Verstand des Mahlers, wann solche wohl eingerichtet, an einander gehänget, und gleichsam gebunden werden. So sollen auch die Landschaften nicht mit allzuvieler Luft, Bergen, Gebäuden, oder Häufen übersetzt, sondern vielmehr mit grossen schönen Bäumen, und Kräutern gezieret werden. Den Horizont mit festen Gründen, darauf jedesmahl vorne her etwas grosses stehet, und alles andere hintan weichet. Die Bilder und das Vieh in den Landschaften sollen nicht sonderes Licht, Schönheit, und Farben bekommen, damit sie nur als ein Beysatz der Landschaften sich untergehen. 
Es soll auch ein Landschaft-Mahler die frühe Tages-Röthe wohl in acht nehmen, mit einem Kunst-liebenden Gefährten seine Augen in die Felder, Bäume, Bächlein, Berge, Thäler, Wiesen, und Auen wenden, und solche zu seiner Lehre anwenden, auch die vordern und hintern Gründe wohl aufeinander zu ordnen wissen. Derohalben ist es rahtsam, daß er alle seine Landschafften nach den Leben mahle.  

Conceptual field(s)

GENRES PICTURAUX → paysage
EFFET PICTURAL → qualité de la composition
L’ARTISTE → qualités